Die Liebe hinter dem Stress

Eines macht mich zur Zeit wieder mal so richtig fertig: so viele Tage, Stunden, Augenblicke, in denen ich schimpfe, drohe, ermahne, maßregle, strafe, einschränke…. und ich werde das Gefühl nicht los, dass die Liebe, die Verantwortung, die Zuneigung, der Beschützerinstinkt und die Zärtlichkeit, die eigentlich dahinterstecken, nicht mehr durchkommen, kaum wahrgenommen werden können in all dem Geschrei und Gejammer, das unsere Tage durchzieht.

Ausgerechnet ich, die es ja „gelernt“ haben sollte, schaffe es nur so selten, mit meinen Kindern geduldig, tolerant, aufbauend, liebevoll umzugehen.

Wie kann ich unserem Großen klar machen, dass er ganz wundervoll ist, so wie er ist, mit all seiner Fantasie, seiner Einzigartigkeit und seinem tollen eigenen Kopf? Wieso resultiert aus meinem Verhalten ihm gegenüber, dass er sich selber eher als defizitär, unfähig und eigenartig wahrnimmt?  Das heißt, ich weiß schon, wieso das so ist, aber ich hadere damit, warum es mir einfach nicht gelingt, anders zu sein, ihn mehr zu stärken, ihm Kraft zu geben, ihn selbstbewusst und fröhlich zu machen.

Wie kann ich unserem Kleinen nur genug Liebe und Zuneigung, genug Aufmerksamkeit schenken, damit er nicht mehr das Gefühl hat, zu kurz zu kommen? Ich ertappe mich dabei, wie ich ihm diese Dinge ab und zu vorenthalte, weil ich das Gefühl habe, es kann doch nie genug sein, er wird immer weiter unglücklich sein, egal wieviel ich ihm gebe. Wie kann ich nur diese tiefe innere Überzeugung in ihm zünden, dass alles gut ist, dass ich immer für ihn da bin und dass ich ihn liebe? Dass er nichts befürchten muss, dass er beruhigt und zufrieden sein kann?

Nun gut, die Maus. Die bekommt noch so gut wie alles, was sie braucht. Auch Geduld und all diese pädagogisch wertvollen Skills. Aber auch sie ist schon dabei, bekommt es doch irgendwie schon mit, wenn ich mit den anderen schreie, schimpfe, diskutiere.

Ich habe so Angst zu versagen. Als Mutter. Ich spüre, dass meine Kinder immer wieder unter mir leiden und schaffe es nicht, mich zu ändern. Ja, doch, es gibt auch immer wieder gute Phasen. Da reiß‘ ich mich wieder am Riemen, setze mir Ziele, hänge Motivationszettelchen auf und versuche, positive Verhaltensweisen in mir zu verankern. Und dann stürzt plötzlich alles wieder in sich zusammen und ich spüre, dass meine Kinder oft nicht wissen, wie ist sie heute drauf, ist sie heute eine gute Mama oder flippt sie mal wieder rum. Ich bin genau das, was ich nie sein wollte: ambivalent. Meine Kinder können sich nicht auf mich verlassen. Das macht mich fertig. Denn ich weiß selber, wie dringend man als Kind Erwachsene nötig hat, auf die man sich verlassen kann. Die nicht unberechenbar sind, vor denen man sich nicht fürchten muss.

Ich habe auch immer wieder Versuche gemacht, mich in professionelle Hände zu begeben. Beratungsstellen, pipapo. Wie gehabt: gute Ansätze, es läuft ein Weilchen, und dann – peng – irgendeine Stresssituation und ich finde mich mit den Kindern im selben Hamsterrad wieder, Geschrei, Gejammer, einfach alles ungut.

Ich will es so gerne besser machen. Und ich bin es leid, immer nur Sonnenscheinartikel zu lesen in vielen (nicht allen) Blogs. Haben denn die anderen wirklich immer alles im Griff? Oder ist das ein Tabu? Spricht man da nicht drüber, dass man an (und über) seine Grenzen tritt mit den Kindern? Ach je, mir ist so düster zumute.

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9 Gedanken zu „Die Liebe hinter dem Stress

  1. Mach dir mal keinen Kopf. Mich nervt es auch, das in so vielen Blogs einfach nur Sonnenschein herrscht – aber ich denke auch, das viele nicht drüber „reden“ – nachher wird man noch verurteilt.
    Gestresst sind wir alle irgendwann mal – ich selber schließe mich da ein, meine Geduld ist eh kaum vorhanden und wenn der Kleine brüllt, der Große knatscht, dann würde ich auch oft genug die Tür hinter mir einfach nur zu ziehen wollen.

  2. Was das bloggen angeht: da nehme ich mich nicht aus. Auf der einen Seite versuche ich schon, ganz offen auch von Wochenbettdepression, von schlaflosen Nächten mit überforderten Heulanfällen und verzweifelten Zahnputzversuchen zu schreiben. Tue ich ja auch. Auf der anderen Seite ist es glaube ich – bei mir jedenfalls – einfach so: wenn mir hier eh schon alles zu viel ist, dann habe ich nicht noch Zeit und Muße zum bloggen. Und wenn hier alles ruhig zugeht und friedlich ist, dann ist mir nicht danach, noch den verkorksten Tagen im Blog hinterher zu jammern, wo doch alles schon wieder klappt.

    Aber meiner ist ja auch noch klein; ich denke, vieles von dem, was Du ansprichst, kommt erst mit größeren Kindern so richtig raus. Ich bin gerne bei den Rabeneltern (rabeneltern.org) im Forum, und dort wird durchaus auch angesprochen, dass man eben nicht alles im Griff hat. Vor allem aber versuchen viele dort, Lösungen zu finden für Wut und für eigene unverarbeitete Probleme und für Überforderung. Habe gerade gestern erst einen sehr spannenden Thread zum Thema Wut gegenüber Kindern verfolgt, finde den aber gerade nicht.

    Was ich nämlich nicht leiden kann, ist, dass es sonst oft nur zwei Seiten zu geben scheint: entweder jemand erzählt locker-flockig, dass man gerade ausgerastet ist und sein Kind geklapst hat, und zwanzig Kommentare tätscheln den Kopf und erklären, das sei ja alles völlig normal und menschlich und überhaupt nicht schlimm. Oder man schämt sich sowieso schon selbst in Grund und Boden und wird dann von Kommentaren noch weiter runtergemacht und zurechtgewiesen, was man alles falsch macht. Beides irgendwie nicht zielführend, weder in Erziehungsdingen noch sonstwo. Ich mag den lösungsorientierten Ansatz mit Sicht nach vorne lieber.

    Was das konkrete angeht: du schreibst, Du weisst selber… Kindheitserfahrungen? Das ist wohl bei vielen so, im Alltag kommt man gut zurecht, aber in Streßsituationen brechen solche uralten Prägungen durch. Und das ist wohl leider nur mit viel Arbeit zu ändern, mir geht das ebenso. Aber ich denke mir auch immer: so bin ich eben, ich bin nicht perfekt, ich gebe mir jeden Tag wirklich Mühe, das alles zu verbessern, und das ist genug. Ich muß mir keine Vorwürfe machen, ich muss mir nur Mühe geben. Die Mühe gebe ich mir, um den Teufelskreis zu durchbrechen, um dem Knirps weniger von diesen Prägungen mitzugeben.

    Ganz konkret wollte ich mich mal an die Klötersbriefe machen, ich weiß nicht, ob Du mit sowas etwas anfangen kannst (google)? Und der „Daily Groove“-Newsletter (ist aber englisch) von http://www.enjoyparenting.com/dailygroove gibt mir auch kleine, tägliche gute Anstöße. Keine riesigen Schritte, sondern feine Änderungen.

  3. Ach ja, ich kenne das. Obwohl ich wesentlich stabiler bin, seit ich vor ein paar Jahren zwei Jahre lang Psychoanalyse gemacht habe. Ich hatte eine sehr ambivalente, cholerische Mutter und die Verletzungen, die sie mir zugefügt hat, reißen immer noch manchmal auf.
    Ich habe auch in den fast 6 Jahren, die ich nun Mutter bin, gemerkt, daß das, was damals passiert ist, immer noch hochkommt. Und daß ich gerade als die Kinder klein waren sehr mit mir kämpfen musste, damit ich diese Spannungen und Erlebnisse nicht auf meine eigenen Kinder übertrage.
    Es ist mir größtenteils gelungen. Einzig das erste Jahr mit zwei wirklich sehr kleinen Kindern ist mir negativ in Erinnerung geblieben. Da war ich oft ungerecht gegenüber meiner Tochter und bereue es bis heute 😦
    Insgesamt denke ich aber, daß fast alle Erziehungsfehler durch aufrichtige Liebe zu den Kindern wettgemacht werden. Wenn das Glas auch nur mindestens halb voll ist, so ist das schon genug …

    • Hm. Ich hatte/habe zwar keine ambivalente Mutter, habe aber anderweitig Erfahrungen gemacht mit Erwachsenen, denen man nicht trauen kann, die A sagen und B machen. Und sowas sitzt, ich möchte gar nicht wissen, wie das ist, wenns die eigene Mutter ist. Und genau das ist der Knackpunkt: Ich BIN die Mutter dieser Kinder! Ich denke nicht, dass ich ständig ambivalent bin, aber ich habe echt so Phasen, da stehen all meine Werte und Ziele auf wackligem Boden, da kanns jeden Moment losgehen mit totaler Dekompensation aller guten Vorsätze… 😦 Ich habe auch eine Therapie hinter mir, die hat einiges wieder ins Lot gebracht bei mir, aber das ist so eine Baustelle, an der würd ich gerne arbeiten zur Zeit. Ich wüsst bloß nicht, wo ich damit hin soll. Die wirklich guten Therapeuten haben alle ewige Wartelisten… leider.
      Ich hoffe sehr, dass meine Kinder das Glas als halbvoll erleben! Denn ich liebe sie wirklich sehr und das zeige ich ihnen auch, zumindest in weniger sturmgebeutelten Zeiten.

  4. Ach ja. Kennen wir aber alle, wir Eltern, glaub ich. Manchmal ertapp ich mich dabei, dass bei uns nur noch geschrien wird. Hört natürlich auch keiner mehr hin. Muttertaubheit, nennt man das. Oder Elterntaubheit, ich hab nicht das Gefühl, dass auf meinen Mann besser durchdringt.
    Ab und an gelingt es mir, alles eine Stufe zurück (leiser!) zu fahren und siehe da, es funktioniert genauso gut oder genauso schlecht wie eine Stufe lauter, ist aber für alle Beteiligten sehr viel angenehmer. Leider nichts, was für immer anhalten würde. Und das sind die kleinen Probleme, mein Ältester ist gerade mal sechs. Keine Ahnung, wo das noch hinführt.

    • Das ist so wahr – Schreien hat noch nie irgendwo hingeführt. Ich empfinde es als Ausdruck totaler Kapitulation vor der Situation, ein „die Sache nicht mehr im Giff haben“. Insofern kann es ein Indikator für einen selber werden, sollte man es schaffen, dann noch innere Distanz wahren zu können und einen alternativen Weg einzuschlagen. Manchmal gelingt es mir, noch halbwegs rechtzeitig „abzubiegen“, aber leider viel zu selten.
      Lese gerade Jesper Juuls „Grenzen, Nähe, Respekt“. Ein tolles Buch. Ich finde nur immer, diese Ratgeber halten nicht wirklich lange vor. Bei mir ist es so, dass ich mir dann mords was vornehme und nach einer Weile verblasst alles irgendwie wieder. Dann versandet das Wissen so im Alltagstrott und ich lande genau wieder da, wo ich angefangen habe. Das ist frustig. Aber ich werde wohl trotzdem weitermachen und immer wieder versuchen, es in Zukunft besser hinzukriegen 🙂

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