Stilfindung

Unser Großer ist ja immer schon „ein wenig anders drauf“ als die meisten anderen Jungs: Er trägt langes Haar, liebt Pink und andere knallige Farben, trägt gerne Schmuck, mag alles, was glitzert und findet sowieso, dass „Mädchenklamotten viel schöner sind, als die langweiligen Jungensachen!“ Und vor allem steht er dazu, ist überzeugt davon und lässt sich auch nicht durch blöde Kommentare von anderen davon abbringen. Das finde ich wirklich klasse! Er propagierte schon in der ersten Klasse den Spruch: Jeder darf die Lieblingsfarben haben, die ihm gefallen! Es gibt keine Jungen- oder Mädchenfarben!“ und trug dadurch sicher auch zu einer toleranteren Einstellung seiner Klassenkameraden bei.

Des öfteren habe ich mir schon mal Gedanken über diese Dinge gemacht –  nicht im Sinne von „ich hab mir Sorgen gemacht“, sondern einfach im Sinne von „ich beschäftige mich mit den Bedürfnissen meiner Kinder“. Ich kam eigentlich immer zu dem Schluss, dass er trotz all dieser Dinge gerne ein Junge ist und dies auch sein will. Also dass er, deutlich ausgedrückt, nicht transsexuell veranlagt ist. Denn das hätte für mich bedeutet, dass ich noch wesentlich mehr für ihn hätte tun wollen, als ihn schlichtweg bei einer Art „Stilfindung“ zu unterstützen.

Also habe ich ihn neulich mal geradeheraus danach gefragt. Er meinte genau dasselbe: dass er gerne ein Junge sei, dass er aber viele Mädchensachen toller fände als die Jungssachen. Weniger Spielzeug und so, als eben das „optische“, das Design. Also haben wir uns daraufhin öfters über Klamotten unterhalten und ich habe ihm klar gemacht, dass es auch noch ein Modeuniversum jenseits der Doppelbuchstabenketten gibt, denn irgendwie genügen ihm die pinkfarbenen Shirts, die es dort zu finden gibt, nicht mehr. Ich sagte ihm, dass ich mir sicher bin, dass er auch „Jungenklamotten“ finden kann, die seinem Geschmack mehr gerecht werden und versprach ihm, mal ein paar Fotos aus dem Internet rauszusuchen, die ihm das auch illustrieren können. Während dieses Gesprächs waren wir gerade auf dem Weg in die nächstgelegene Shopping-Mall, um dem wieder mal gewachsenen Kerl neue Unterhosen zu besorgen, da die alten schon kneifen. Und wie wir da so langlaufen, kommen wir an einem Shop vorbei, der erst vor ca. einem halben Jahr eröffnet hat und den ich bisher immer nur so aus dem Augenwinkel wahrgenommen hatte.

Hey, sagte ich, sensibilisiert für die Farben und Muster des Großen, DAS ist DEIN Laden! Er guckte und rief: Wow, Mama, da will ich rein! Können wir mal rein? Bitte!!!

Gesagt, getan. Und natürlich kamen wir nicht ohne Tüte wieder raus. Er ist inzwischen so groß, dass ihm schon Herren-T-Shirts in S passen, und er fand ein Shirt, das ihm so gefiel und das so sehr seinen Wünschen entsprach, dass ich nicht Nein sagen konnte, obwohl es wahnsinnige 60 Euro kostete. Irgendwie fand ich, er brauchte eine Bestätigung, dass er 1. seinen Stil leben darf, 2. es seinen Stil auch wirklich gibt und 3. wir seine Bedürfnisse diesbezüglich auch ernst nehmen.

In der Kinderabteilung guckten wir uns auch um, aber die Kinderklamotten waren lustigerweise nicht so konsequent bunt und wild gemustert, wie die der Erwachsenen. D.h. doch, die Mädchenkleidung schon, aber die Sachen für Jungs waren wieder mal Blau, Orange, Oliv und Weiß. Seufz. Aber egal. Er ist groß genug für die „richtigen“ Teile. Und somit m.E. auch weit genug, sie zu tragen und zu schätzen.

Er ist völlig happy mit dem Shirt, ich musste es sofort waschen und seitdem hat er es an. Das freut mich so! Und ich hab mich auch schon im Netz umgeguckt, es gibt auch andere Alternativen, die nicht ganz so kostenintensiv sind. Und ich habe vor, jetzt im Sommer mal mit den Jungs Shirts bunt zu batiken. Das gefällt ihm sicher auch, dem kleinen Künstler! 🙂

Ich bin schon so gespannt darauf, wie er sich in den nächsten Jahren entwickeln wird! Was wird er tragen? Welche Musik wird er hören? Welche Wertvorstellungen wird er entwickeln? – Im Moment ist er sehr tier-, menschen- und umweltfreundlich eingestellt. Ich denke, das wird auch so bleiben, sich nur weiter ausdifferenzieren und er wird sich vielleicht entsprechend engagieren.

Es ist so spannend, Kinder zu haben! So spannend, sie aufwachsen zu sehen. So spannend, sie zu begleiten, sie zu unterstützen, sie zu fordern, ihnen Dinge zu zeigen, beizubringen, zu erklären. Und unser Großer steuert auf einen neuen Lebensabschnitt zu – die Pubertät. Mit allem Drum und Dran. Auch mit universeller Faulheit, partieller Taubheit, Starrköpfigkeit und Mimosentum. Ach, ich bin so stolz auf ihn! Ich sehe ihn liebend an, ich liebe alles an ihm, auch wenn er mich auf die Palme bringt! Denn ich weiß, das muss so, das gehört so, das macht ihn zum eigenständigen Menschen. Das ist gut so. Und ich bin dabei. Mit ganzem Herzen.

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13 Gedanken zu „Stilfindung

  1. Huhu,

    einen tollen „Großen“ hast du da,
    erinnert mich ganz ganz doll an den Sohn meines Exfreundes,
    der ist jetzt 5 geworden und hat sich für den Schulstart einen schwarzen Ranzen mit lila und weißen Blümchen aus dem Internet ausgesucht und auch ansonsten liebt er lila, pink, rosa und Mädchenklamotten.^^

    Seltsamerweise gibt es im Kindergarten gar keine Probleme, er hat Jungs und Mädchen Freunde. *Gott sei Dank*

    Wobei, die Oma, die meint, man müsse ihm das aberziehen, weil er ja sonst mal schwul wird….
    Und selbst wenn, davon geht die Welt nicht unter.

    Förder du deinen Großen mal weiter, ich finde sowas ja toll, eigene Stile bei Kindern.
    Wobei von wo war denn das Shirt?^^

    • Hihi, ja das ist ein Geistesgenosse meines Großen! 😀 Im Kindergarten gabs bei uns auch nie Probleme, das ging erst in der Schule los mit so Sprüchen wie „Iiih, Rosa ist doch ne Mädchenfarbe!!!“, was ihn aber wie gesagt immer kalt gelassen hat. Und was auch keinen je dazu bewogen hat, deshalb nicht mehr mit ihm befreundet zu sein, zum Glück!
      Die Oma hat leicht seltsame Ansichten, hoffentlich behält sie die ihm gegenüber für sich! 😉 Mir ist es auch total schnuppe, welche sexuelle Orientierung meine Kinder bekommen, Hauptsache, sie werden glückliche Menschen, die ihre Lust ausleben und liebevolle Beziehungen führen können. Das Shirt und der Shop sind verlinkt, die Links sind blau unterlegt. Sieht man das bei dir?

  2. Ich finde es toll, dass du deinen Sohn so unterstützt. Man könnte jetzt sagen, dass das selbstverständlich ist, aber das ist es nicht. Habe es schon das ein oder andere Mal erlebt, dass dem Kind vorgeschrieben wurde, was es gut zu finden und zu tragen hat, da pink und rosa nur “Schwuchteln“ tragen (Nicht meine Worte!). Manche Eltern scheinen geradezu panische Angst davor zu haben, dass das Kind das “falsche“ Geschlecht lieben könnte, weil es pinke Shirts trägt.
    Was ich sagen will ist, dass ich es wichtig finde, dass Kinder in dieser Phase (und generell) unterstützt werden und ich finde, dass du das echt toll machst!

  3. Oh, genau, ich sag immer, die Jungssachen sehen aus, als sollten sie gleich ins Bergwerk geschickt werden: schön Oliv, Khaki, Braun… Ich nehm immer orange und rot als Alternativen, weil die meinem Sohn echt gut stehen und gut gefallen. Bei „Rosa ist Mädchenfarbe“ ist er nämlich leider voll dabei, auch wenn er das nicht von uns hat – und die Tochter ist da genauso einseitig

    • Da ist was dran, hihi! Ich find das auch so blöde, da ist Orange noch das „höchste der Gefühle“ bei Jungsachen. 😦 So schade, dass es kaum Alternativen gibt. Als ob Jungs nicht auch Spaß an kräftigen Farben hätten! Ich hab meinem Filius schon vorgeschlagen, doch Modedesigner zu werden und dem mal Abhilfe zu schaffen! 😉 Er will eh nen kreativen Beruf ergreifen.

  4. Oh, dein Sohn erinnert mich an meinen, der schläft derzeit wieder in rosa-rot gestreifter Bettwäsche 🙂 – und ich finde es ganz toll, dass du ihn darin unterstützt, seinen Stil zu finden! (es ist btw auch enorm schwierig, farblich schöne Jungsklamotten zu finden – bei all dem Spiderman-Totenkopf-Tarnfarbenzeugs, das auf dem Markt ist)

    • Da siehste mal, das ist jetzt schon der dritte in den Kommentaren, der auch auf Rosa steht 😀 Das ist nämlich gar nicht so selten – wird nur gesellschaftlich total weggedrückt. Und, ja, das Klamottenproblem ist echt ätzend. Ich kann auch in den größeren Größen die ganzen Surf-Beach-Skate- Aufdrucke nicht mehr sehen. Als ob alle Jungs immer nur surfen und skaten wollten. Voll die Uniformen 😦

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