Wünschezeit

In den letzten Wochen kreisten meine Gedanken wieder einmal um den Kurzen. Er zeigt seit einem halben Jahr zunehmend Verhaltensauffälligkeiten und ich habe versucht, Auslöser dafür dingfest zu machen. Ich habe da auch so ein paar „Baustellen“ im Visier und eine davon ist, dass er zu wenig Zeit mit uns Eltern verbringt. Das hat sich in den letzten Jahren so ergeben, weil er einen sehr sehr engen Freund hat, mit dem er zeitweise täglich von morgens bis abends gespielt hat – nach dem Frühstück bis zum Nachmittag im Kindergarten und im Anschluss an diese Zeit entweder bei uns oder bei den Eltern des Freundes bis zur Abendessenzeit.

Zum einen war und ist es schön zu sehen, wie vertraut die beiden miteinander sind – fast wie Geschwister. Zum anderen wurde mir aber immer klarer, dass unser Sohn einfach noch nicht die Kraft und den Überblick hat, zu merken, wann es genug ist und dass er ja auch Zeit mit mir und dem Papa haben möchte, dafür aber auf diese Weise kaum welche übrig bleibt.

Wir haben schon wiederholt den Versuch gemacht, am Wochenende mit den Kids getrennt was zu unternehmen, aber das verlief immer wieder im Sand, vielleicht einfach auch, weil mein Mann und ich nicht auch noch am Wochenende getrennte Wege gehen wollen…

Um eine einfacher umsetzbare Lösung zu generieren, habe ich die „Wünschezeit“ erfunden und Mitte letzter Woche hier eingeführt. Meine Grob-Idee war: „Anstatt zwei Mal im Monat einen halben Tag lieber zwei Mal die Woche eine halbe Stunde allein mit Mama oder Papa sein.“

Bei der Wünschezeit handelt es sich folglich um einen festesetzen Zeitrahmen innerhalb der „Leerlaufdreiviertelstunde“ zwischen Abendessen und Bettgehzeit, in der unsere Kinder früher oft wild und ausgelassen miteinander herumgetobt haben, aber schon müde waren und es so schnell zu Streitigkeiten oder Verletzungen kam.

Jetzt ist diese Zeit zu einem Ritual veredelt worden, das aus diesem verlorenen Zeitfensterchen einen der Tageshöhepunkte gezaubert hat! Und so funktioniert es:

Am Montag und Mittwoch hat der Kurze Wünschezeit, am Dienstag und Donnerstag der Große. Die Maus ist noch außen vor, weil sie als Kleinste sowieso noch viel mit uns Großen spielt.

Die Wünschezeit dauert pi mal Daumen eine halbe Stunde und darf vom Kind mit völlig eigenen Wünschen gefüllt werden – die nur ein paar kleinen Regeln folgen müssen:

  • das Kind sucht sich einen Elterteil aus, mit dem es die Wünschezeit verbringen will (der andere kümmert sich derweil um die anderen Geschwister)
  • es darf frei entscheiden, was in der Wünschezeit miteinander gemacht wird.
  • Verboten sind: Mediennutzung (TV, Computer, Konsolen u.ä.) , Dinge, die (viel) Geld kosten (z.B. Los, geh mir ein teures Spielzeug kaufen!) und Unternehmungen, die einem der Teilnehmer schaden könnten. Alles andere ist nicht nur erlaubt, sondern geradezu erwünscht.

Inzwischen liegen 4 Wünschezeiten hinter unserem kleinen Mann und das hat er sich gewünscht:

  • mit der Mama in den LEGOShop fahren und vom eigenen Taschengeld ein ersehntes Objekt kaufen
  • mit der Mama Ball spielen
  • mit der Mama Spiele spielen
  • mit der Mama zur Eisdiele fahren und eine Kugel Eis essen

Man kann gut sehen, wessen Anwesenheit ihm am meisten gefehlt hat… 😉 Was mich nicht wundert, da die Maus, wenn wir alle beieinander sind, meistens an mir klebt und mich damit „für sich besetzt“. Den Wunsch mit der Kugel Eis (eine Kugel ab und zu verträgt er zum Glück!)  habe ich ihm übrigens selber „eingeflüstert“, da diese Wünschezeit eine Extra-Belohnungs-Zeit am Freitagabend war, weil er mir aus freien Stücken und sehr fleißig am Nachmittag beim Putzen geholfen hatte. Auch etwas, das es so schon seit mindestens einem Jahr nicht mehr gegeben hatte….

Der Große freute sich natürlich auch über die Option (ich habe sie bewusst beiden Kindern zugeteilt, um unseren Kleinen nicht so „herauszustellen“), aber es fällt ihm gar nicht so viel ein und ab und an nimmt er sie sich auch lieber mit seinem besten Freund, als mit einem von uns – woran deutlich zu erkennen ist, dass er kein Defizit in dieser Richtung hat. Auch das wundert mich nicht, denn er hat ja sowieso jeden Abend ca. 1 1/2 Stunden Zeit mit uns alleine, die wir zwar nicht immer aktiv miteinander verbringen, aber wir spielen schon ab und an mal ein Spiel, das für die Kleinen noch zu schwierig ist oder unterhalten uns gut miteinander. Der schönste Wunsch, den er bis jetzt geäußert hat, war folgender:

  • mit dem Kettcar eine groooße Runde ums Dorf drehen und die Mama ist auf dem Fahrrad dabei

An einem lauen Sommerabend mit dem Großen durch die Natur zu fahren und sich gut zu unterhalten, das hat wirklich großen Spaß gemacht und ich freue mich darüber, dass diese kleine Idee so großartige Momente hervorzaubert!

Die – eigentlich wenige, aber sehr intensive – Zeit, die ich mit unserem Kleinen bisher auf diese Weise verbracht habe, hat nicht nur auf ihn, sondern auch auf mich einen sehr positiven Effekt. Unsere Beziehung ist wieder viel enger geworden, wir teilen nun auch besonders schöne Momente miteinander, der Kontakt beschränkt sich nicht mehr  auf fast ausschließlich Notwendiges wie Essen, Anziehen, Körperpflege oder, noch schlimmer, die Augenblicke, in denen wir im Streit aneinandergeraten, sondern wir kuscheln uns beim Eisessen ohne Anwesenheit anderer Familienmitglieder aneinander, lassen uns gegenseitig probieren, fachsimpeln über Eissorten, lachen ein anderes Mal gemeinsam beim Ballspielen oder freuen uns an einem neuen Spielzeug und er kann mir in völliger Ruhe und ohne Unterbrechungen erzählen, was er darüber denkt. Das ist wunderschön und ich bin erstaunt, was man alles aus einer halben, ganz bewusst erlebten Stunde herausholen kann.

Es ist nicht so, dass ich nicht sonst auch mal mit ihm ein Buch lesen, ein Spiel spielen, etwas basteln oder draußen sein würde. Das tun wir schon. Aber wir sind dabei eigentlich so gut wie nie alleine. Ständig ist die Maus anwesend und macht im positiven Falle mit, im negativen stört und untergräbt sie unser Projekt, weil sie sich langweilt.

Die Maus hat übrigens auch was von der Wünschezeit – und auch mein Mann. Sie gehen nämlich seitdem mit schöner Regelmäßigkeit noch auf den Spielplatz, während ich mit dem Kleinen unterwegs bin. Zwischen sieben und acht ist so gut wie niemand mehr dort, die Luft ist lau, die Sonne brennt nicht mehr. Die Spielgeräte sind frei und sie kann sich noch auf der Schaukel anschubsen lassen, was sie so liebt, klettert x-mal die Leiter hoch und rutscht, bewegt sich viel und wird – Hurra! – müüüüde. 🙂

Der Kurze und ich gesellen uns oft noch dazu, wenn unsere Extrazeit rum ist und diese Viertelstunde genießen wir dann auch alle vier sehr. Dann gehts nach Hause und ins Bad zum Zähneputzen. Das geht natürlich nur bei schönem Wetter und im Sommer. Im Winter wird das anders laufen, aber auch da wird es Wünsche geben und ebenso Alternativen für die anderen Kinder.

Alles in allem kann ich sagen: diese Idee war eine gute und alle profitieren davon! Nachmachen empfohlen! 🙂

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2 Gedanken zu „Wünschezeit

  1. ich bin ja immer wieder fasziniert über deine art, deine kinder zu beobachten und herauszuknobeln, was sie gerade brauchen. und schön, dass der große auch die gelegenheit bekommt! wir haben zwar keine wünschezeit, aber immer wieder mutter-kind oder vater-kind-zeiten, in denen wir dann merken, dass die kinder alleine anders sind als wenn alle beisammen sind. da wird auch gekuschelt und gespielt, vorgelesen und in der olge merke ich dann auch, wie die beziehung enger wird. zur quantität kann ich nur sagen: die qualität ist wichtiger, gerade dieses ganz bewußt ist wahnsinnig wichtig.
    liebe grüße, mara

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