Kämpfer oder Weicheier?

Schon seit geraumer Zeit laufen immer wieder heiße Diskussionen darüber, wie denn nun mit unserem spärlichen (1,4 Kinder pro Frauennase) Nachwuchs hierzulande zu verfahren sei, um ihn möglichst lebenstüchtig zu machen. Während an der einen Stelle Kinder in Watte gepackt und möglichst gewaltfrei und in Harmonie und Augenhöhe mit den Eltern erzogen werden sollen, wird andernorts propagiert, das sei alles viel zu wuschiwuschi und Kinder müssten echt hart rangenommen werden, müssten kämpfen lernen, unbedingt mit Disiziplin und Gehorsam erzogen werden und immer wieder an ihre Grenzen stoßen.

Meiner Meinung nach ist die Sache eigentlich eine ganz einfache: Die Wahrheit liegt, wie so oft, in der Mitte.

Natürlich sollte man Kindern etwas zutrauen – nämlich ihr Leben, einfach so, wie es ist. Sie brauchen weder künstlich weichgespült noch kruppgestählt werden, sondern entwickeln sich meines Erachtens in den meisten Fällen dann genau richtig, wenn man ihnen einfach das zutraut, was ihnen das Leben ansich abfordert und anbietet – nicht mehr und nicht weniger.

Ein Verwandter stirbt? Nehmt das Kind mit zur Beerdigung. Lasst es den Verstorbenen sehen, wenn es das möchte. Lasst es trauern. Lasst es mit dem Tod Kontakt aufnehmen. Er gehört zum Leben.

Dem Kind ist langweilig? Lasst es sich langweilen! Aus der Langeweile wird oft das Unerwartete, das Erstaunliche geboren.

Das Kind möchte im Dunkeln alleine nach Hause gehen? Alleine mit dem Kettcar zum Einkaufen fahren? Auf dem Fahrrad eine Alternativstrecke ohne Mamabegleitung nehmen? Erklärt ihm, worauf es zu achten hat und dann los damit.

Das Kind möchte selber etwas kochen? Gebt ihm Eure Töpfe, zeigt ihm, wo die Zutaten sind und freut Euch auf ein interessantes Mahl. Vielleicht nicht immer superlecker, aber auf jeden Fall lehrreich und spannend, ab und zu witzig oder eben auch mal erstaunlich schmackhaft.

Das Kind muss viel lernen, um ein Gedicht im Kopf zu behalten? Es traut sich nicht, alleine einzuschlafen? Es ist unsicher, ob die neue Frisur bei den Freunden ankommt? Wenn Ihr als Eltern ihm zeigt, dass Ihr Vertrauen habt in seine Fähigkeiten, dass Ihr an es glaubt und wisst, dass es etwas schaffen kann – dann wird es auch stark sein und es schaffen können und wollen. Und hinterher so richtig stolz sein.

Das Kind hat seine Busfahrkarte wieder mal vergessen? Dann lasst es laufen. Auch vier Kilometer und auch im Regen. Das wird das Kind nicht umbringen. Aber es wird Zeit haben zum Nachdenken und es wird seine Fahrkarte nicht wieder vergessen. Und wenn doch – dann muss es eben wieder laufen.

Ich könnte noch viele Beispiele nennen. Im Prinzip geht es mit allem, was im Leben von Kindern so auftaucht. Traut es ihnen zu! Traut ihnen zu, damit umzugehen, traut ihnen zu, daraus zu lernen, traut ihnen zu Lösungen zu finden. Traut ihnen auch Gegenwind zu! Denn der ist das, was das Leben spannend macht. Man muss keine künstlichen Herausforderungen schaffen, das Leben bietet so viele reale Gelegenheiten dazu. Haltet Euch in der Nähe, steht mit Rat zur Seite, wenn gewünscht, aber lasst sie einfach mal machen.

Erst dann ist das Leben liebevoll, spannend und aufregend genug, um einen Menschen aus eurem Kind zu formen, der im richtigen Moment zurückhaltend und einfühlsam sein wird, aber auch mal gehörig auf die Pauke hauen kann. Und es wird gelernt haben, mit Rückschlägen und Fehlern zurecht zu kommen.

Und ich denke, ihr wisst alle, was ich damit genau meine. Ich meine nicht, dass man sein Kind sich selbst überlassen soll, egal was es tut, ich meine auch nicht, dass man seinem Kind seelenruhig dabei zusehen soll, wie es definitiv in eine gefährliche Richtung abbiegt. Und ich meine auch nicht, dass man einem Kleinkind dabei zusehen sollte, wie es am Abgrund spielt. Kleineren Kindern lasst die kleineren Herausforderungen und den größeren die größeren. Wenn ihr ehrlich darüber nachdenkt, werdet ihr spüren, welche Gefahren für Euer Kind zu groß sind und welche ihr nur in euren Köpfen zu welchen macht.

Gebt Euren Kindern das Rüstzeug und eure ganze Liebe. Und dann lasst sie ziehen in ihre täglichen, kleine Kämpfe, die das Leben ausmachen. Auch das ist eine Form von Vertrauen und Respekt.

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7 Gedanken zu „Kämpfer oder Weicheier?

  1. guten morgen, frau kugelhoch!
    ich gebe dir in allen punkten meine zustimmung, der letzte punkt (in sich nachspüren, wozu das kind schon in der lage ist) hat mich aber dann doch beruhigt, was die beerdigungen angeht. der große sohn ist nämlich ein sehr sensibler bei diesen themen, bei ihm würde ich noch keine beerdigung empfehlen, bei anderen dingen, die er so alltäglich bewältigt, bin ich wiederum am staunen. ich frage ihn auch oft bzw. sage ihm, dass er das und das gerne machen kann, wenn er sich das zutraut. zum beispiel gestern alleine zum kindergeburtstag gehen. ja, klar, mama! ist das mein schüchterner sohn, der sich das bisher noch nie traute? sehr cool. ja, das leben ist, wie es ist, und wir tun den kindern keinen gefallen damit, es ihnen in irgendeine richtung zu verschieben. und das leben bewältigen, das geht vor allem mit dem nötigen rüstzeug, liebe und rückhalt und vertrauen und selbstvertrauen.
    eine sehr schöne zusammenfassung deiner kindererziehungslebenseinstellung.
    liebe grüße, mara 🙂

    • Klar, das meinte ich, jede Situation will abgewägt sein – aber ehrlich und nicht mit der Angstbrille auf. Beerdigungen habe ich deshalb auf die Liste genommen, weil gerade so ein Verhalten mir als Kind einen gehörigen Schrecken eingejagt hat. Mein Opa war gestorben, alt und eines natürlichen Todes. Aber mein Vater wollte mich nicht ins Schlafzimmer lassen, ich durfte meinen Opa nicht mehr sehen und auch nicht mit zur Beerdigung. Seit diesem Tag hat sich in mir (die Eltern hatte, die mir sonst sehr viel erlaubten und zutrauten) die Vermutung und die Angst festgesetzt, dass Sterben etwas ganz Furchtbares sein muss. Diese Überzeugung musste ich mir als junge Erwachsene erst mühsam wieder abtrainieren und sie durch die Fähigkeit, den Tod als Teil des Lebens zu akzeptieren und anzunehmen ersetzen.
      Ich habe übrigens mit 35 Jahren zum ersten Mal ein totes Lebewesen berührt – den verstorbenen Hund meiner Eltern. Einen toten Menschen habe ich bis heute nie gesehen. Das sagt schon sehr viel über unsere Gesellschaft aus.
      Deshalb bin ich der überzeugung, dass ein behutsames Heranführen an den Tod (vorausgesetzt, es ist nicht gerade ein verunfallter junger Mensch, oder ein anderes echtes Drama-Szenario) besser ist, als ein Stigmatisieren und Tabuisieren desselbigen.

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