Eine Frau, ein Buch, ein Krimi

Die letzten Tage und Wochen war es hier etwas stiller, was daran lag, dass ich mich in eine Situation hineinmanövriert hatte, die mir doch fast noch über den Kopf zu wachsen drohte.

Begonnen hatte alles mit einem kleinen „Ja“. Dieses Ja hatte ich einer lieben Freundin letztes Jahr im Herbst entgegengeworfen auf die Frage, ob ich nicht Lust hätte, an der Festschrift zum 10jährigen Bestehen unserer Kita mitzuwirken.

Klar, dachte ich mir. Ich habe ja schon als Vierzehnjährige bei der Schülerzeitung mitgearbeitet. Das war der erste, aber lange nicht der letzte Job in dieser Richtung in meinem Leben. Diese Leidenschaft zog sich weiter über die langjährige Mitarbeit an einer Studentenzeitung und diverse Einzelprojekte wie Hochzeitszeitungen und dergleichen. Das geschriebene Wort im allgemeinen und Printmedien im besonderen lagen mir immer schon sehr am Herzen.

Ende Januar sollte es konkret losgehen. Wir saßen zu acht um einen Tisch, die Kita-Leiterin, diverse Elternbeiräte, eine Erzieherin, ein Vater, der eine Druckerei hier im Ort leitet, und ich.

Wir sammelten, was in die Festschrift hineinkommen sollte und der Herr von der Druckerei, der sich dankenswerterweise dazu bereit erklärt hatte, sie kostenlos für die Kita zu drucken, lud uns für Anfang März in seine Firma ein. Wir sollten dorthin schon einige fertige Texte und Bilder mitbringen, damit er mit uns gemeinsam besprechen könne, wie das Layout aussehen soll.

Die sechs Wochen vergingen wie im Flug und wir fanden uns in einem Konferenzraum wieder, wurden zu Kaffee und Tee eingeladen, bekamen Schreibblöcke und Kulis von der Druckerei geschenkt und harrten der Dinge, die da kommen sollten.

Allerdings kamen sie nicht. Stattdessen kam ein netter Herr, der uns erklärte, dass er sich um unsere Angelegenheit kümmern werde und dass das mit dem Layout ein großes Missverständnis sei, dass wir das schon selber machen müssten. Die Druckerei könne die Festschrift nur drucken. Und zwar bräuchten sie das fertige Dokument in vier Wochen.

Er zeigte uns noch die Firma, wir bestaunten beeindruckt große Druckmaschinen und ließen uns in der sogenannten „Vorstufe“ erklären, wie Druckvorlagen hergestellt werden. Alles war sehr interessant. Aber wie wir nun zu unserer Festschrift kommen sollten, wussten wir nicht.

Mein Hirn rotierte und ich ging im Geiste sämtliche Connections durch. Da fiel mir mein kleiner Bruder ein, der irgendwas mit Medien studiert hat und der zur Zeit ohne feste Anstellung ist. Ich zählte Eins und Eins zusammen und erklärte der versammelten Menge gönnerhaft, dass ich das Problem lösen könne. (Dies war nach dem „Ja“ am Anfang der zweite Punkt, an dem ich mich tiefer in die Sache hineinritt…)

Es kostete mich sieben Tage, bis ich es endlich schaffte, meinen Bruder in sein Glück einzuweihen. Leider war er schlauer als ich und ersetzte das „Ja“ durch ein „Nein“. Zu meinem Glück (?!?) fügte er allerdings ein „aber“ hintenan.

„…,aber ich kann dir zeigen, wie man es macht!“

Dieser kleine Nebensatz beförderte mich zur Chefredakteurin, Layouterin und Setzerin der Festschrift in Personalunion. Mit einer Frist zur Projektfertigstellung von drei Wochen. Mit Hilfe eines Layoutprogrammes, von dem ich bis eben nicht mal gewusst hatte, dass es existiert.

Gönnerhaftigkeit ist eine Unart in unserer Familie und so redete mir mein Bruder die Aufgabe so lange schön, bis ich überzeugt war, es locker zu schaffen. Auf seinen Rat hin lud ich mir eine 30-Tage-Test-Version von Adobe InDesign herunter und er brachte mir über TeamViewer und das Telefon die ersten Schritte bei. Zum Glück erstellte er mir eine sogenannte Masterseite, die mir bereits Hilfslinien etc. bot, an denen ich mich orientieren konnte.

Ich machte mir schier in die Hose angesichts der Aufgabe. Die angstgeweiteten Blicke in der Kita hingegen beschwichtigte ich fast täglich mit einem herzhaften (oder war es eher „gönnerhaften“ ) „Das schaffen wir schon!“

Wir? Ich.

Inzwischen war wieder eine Woche rum und das Abgabedatum 5. April drohte schon am Horizont. Also fasste ich mir ein Herz und rief in der Druckerei an, um den spätestmöglichen Termin zu erfragen. Der wurde auf den 16./17.4. festgelegt und ich atmete auf.

„Das schaff ich locker!“ säuselte ich mir mutig zu.

Ich hangelte mich durchs Programm wie ein Kleinkind beim Laufenlernen. Es dauerte ewig, der Telefondraht zu meinem Bruder glühte, aber nach ein paar Tagen hatte ich ein Konzept und ein paar Probeseiten, die ich stolz bei einer Elternbeiratssitzung in der Kita herumreichte.

Dann kam die Karwoche. Ich schob den Job vor mir her – ich hatte ja noch sooo viel Zeit! Wir feierten Ostern, mein Großer hatte Geburtstag, ich packte unsere Siebensachen und wir fuhren in den Schwarzwald, um mit meinen Eltern ihren Siebzigsten zu feiern. InDesign und alles was dranhing, hatte ich innerlich irgendwo ganz weit hinten weggepackt. Das wollte ich in der Woche nach den Ferien in Angriff nehmen.

Doch dann hatte meine Mutter eine Herzattacke und wir fuhren erst am Montagnachmittag nach Hause. Ich war erschöpft von den Tagen, die hinter mir lagen und brauchte erst mal zwei Tage, um mich wieder aufzurappeln. Mein Mann war – wie eigentlich immer in prekären Situationen – auf Dienstreise. Nicht dass er da was dafür könnte!

Letzten Donnerstag dann schlich ich endlich an die Kiste, öffnete das Programm und versuchte, mich daran zu erinnern, wie das denn verflixt nochmal alles funktionierte. Ich konferierte im Minutentakt mit meinem Bruder, konnte zum Glück einen lieben Freund finden, der mir die 450 Fotos in ein anderes, besser druckbares Format konvertierte, und layoutete, was das Zeug hielt. Bis Freitagabend hatte ich vielleicht ein Drittel fertig.

Der zigte Korrekturausdruck

Der zigte Korrekturausdruck in Schwarz-Weiß

Am Samstag war die Geburtstagsparty des Großen, am Sonntag ruht sogar Gott, also ruhte auch ich.

Montags ging es weiter. Donnerstag!, sagte ich mir. Am Donnerstag ist der Siebzehnte, bis dahin muss ich fertig sein! Zum Glück hatte mir die Kita-Leiterin zugesagt, dass ich die beiden Kleinen selbstverständlich länger da lassen dürfe, damit ich in Ruhe arbeiten kann. Also holte ich sie am Montag erst gegen 16:30 Uhr ab und war guter Dinge, da ich wirklich ein deutliches Stück weitergekommen war und die Sache langsam anfing, Spaß zu machen.

Aber dies ist ja schließlich ein Krimi. Krimis sind keine Autobahnen, sondern eher mit verwinkelten kleinen Hohlwegen im Wald zu vergleichen, solche, auf denen man sehr genau hinschauen muss, um nicht einen Stein oder eine vorstehende Wurzel zu übersehen.

Die fiese kleine Stolperwurzel enttarnte sich, als die Maus plötzlich gegen 17:15 Uhr verkündete, sie wolle jetzt schlafengehen, und in meinen Armen mit vierzig Fieber einschlief. Soviel also zu der Planung, am Dienstag und Mittwoch noch schnell aber heftig durchzustarten und das Layout fertigzustellen.

Wo ist nur im richtigen leben der Escape-Button?

Wo ist nur im richtigen Leben der Escape-Button? Und kann bitte mal jemand meine Tastatur putzen!?

Also arbeitete ich am Montagabend bis weit nach Mitternacht weiter, weil ich ja nicht wusste, was der kommende Tag bringen würde.

Am Dienstagfrüh ging es der Maus etwas besser, sie früstückte und saß danach ganz lieb bei mir am Tisch und knetete. Ich konnte mehr tun, als erhofft. Nach dem Kneten folgte noch eine Runde „Sendung mit der Maus“, dann schlug das Fieber erneut zu und sie schlief ein – von halbelf bis nach fünfzehn Uhr. Selten war ich so froh, dass meine Kinder Fieberschübe immer „ausschlafen“.

Wer beim Lesen ganz genau aufgepasst hat, weiß, dass es noch weitere potenzielle Stolpersteine in dieser Story gibt. Einer davon war mein Fehlschluss, der Donnerstag sei der 17.4. Dieser Tag, liebe Leser, war nämlich gestern, ein Mittwoch. Nicht heute.

Die Herren von der Druckerei gaben sich verschnupft, aber diesmal konnte auch ich nur „Nein“ sagen. Ich gab mein Bestes, aber Mittwoch konnte ich beim besten Willen nicht fertig werden.

Ich ackerte, so gut es ging, Haushaltsdinge erledigte ich schon seit Tagen nur marginal und während so das Chaos um mich herum wuchs, entstand unter meinen inzwischen schon recht geübten Händen ein wundervolles Buch mit über fünfzig Seiten voller Erinnerungen, Kinderfotos und Mitarbeiterportraits.

Oh. Mein. Gott.

Oh. Mein. Gott.

Gestern Nacht um 0.57 Uhr beendete ich die letzte Korrekturrunde. Es war vollbracht. Seufzend fiel ich gegen halbzwei ins Bett und wusste, heute würde ich „nur noch“ die fertige Datei an die Druckerei liefern müssen.

Leider beschloss die Maus, heute schon um 5:45 die Augen aufzuschlagen und so kroch ich nach gerade mal vier Stunden Schlaf aus den Federn und hinunter in mein Chaos, um den Tag zu beginnen.

Vagabundierende Kinderspielüberbleibsel

Vagabundierende Kinderspielüberbleibsel – und wo ist Platz für mich?

Gegen neun rief ich in der Druckerei an, um die letzten Anweisungen bezüglich der Konvertierung der Datei in ein druckbares Format einzuholen. Ein weiterer netter Herr dirigierte mich am Telefon durch das Exportmenü, während ich nebenher versuchte, meine Tochter davon abzuhalten, auf unseren Klappstuhl zu steigen und zwischen den zusammenklappenden Hälften plattgedrückt zu werden.

Die Vorbereitungen liefen wie am Schnürchen, nur eine einzige Einstellung konnte ich nicht übernehmen, weil sie sich nicht anklicken ließ. Als wir durch waren, fragte ich nach, ob ich nun auf „Export“ klicken soll, der nette Herr bejahte dies und mein Mausfinger zuckte.

Millisekunden, nachdem ich den Export gestartet hatte, bat er mich, doch noch mal in den Eistellungen zurückzugehen. Ich klärte ihn darüber auf, dass der Export schon laufe, wir beschlossen aber, das Dokument einfach ein zweites Mal mit den hoffentlich besseren Druckeinstellungen zu exportieren. Also stellte ich noch dies und das um und beendete unser Telefonat mit der Ankündigung, noch etwas mit dem Starten des zweiten Exports zu warten, bis der erste abgeschlossen sei.

Kurz darauf hängte sich mein Computer auf.

Alles kein Problem!, suggerierte ich mir, und startet die Kiste neu. Aber ich hatte etwas Wesentliches übersehen.

Wie der geneigte Leser weiß, arbeitete ich mit einer „30-Tage-Testversion“. Und als ich das Programm wieder neu starten wollte, teilte es mir mit: „Der Testzeitraum ist abgelaufen. Bitte registrieren Sie sich.“ Auf Deutsch: Kauf‘ es oder hau ab!

Leicht panisch rief ich den Herrn von der Druckerei wieder an und wir versuchten noch, das Programm mit dem Umstellen der Systemzeit zu besch…ummeln. Leider war es ungnädig.

Zum Glück hatte wenigstens der Export mit der etwas weniger guten Druckeinstellung geklappt, also fuhr ich eine Viertelstunde später (Frau Dekogöttin war so lieb, so lange auf meine kranke Tochter aufzupassen) mit dem über 7 GB großen Dokument auf einem Stick in die Druckerei.

Der nette Herr vom Telefon bekam ein Gesicht und wir nahmen gemeinsam an einer der riesigen Workstations Platz, um eine letzte Prüfung meines Dokuments vorzunehmen. Und was soll ich sagen? Bis auf drei Fotos im falschen Bildformat, bei denen ich vergessen hatte, sie durch die von meinem Freund konvertierten zu ersetzen, war wirklich drucktechnisch alles makellos! Die Fotos konnten wir vor Ort nachkonvertieren und somit hat nun alles seine Richtigkeit und ist – unfassbarerweise – erledigt!

Ich kann es noch kaum glauben, dass ich es tatsächlich geschafft habe!

Da sieht man mal wieder, wohin einen so ein unbedachtes „Ja“ bringen kann. Nämlich bis an die eigenen Grenzen und darüber hinaus. Und das macht mich nicht nur sauer auf mein gönnerhaftes Unterbewusstsein, sondern vor allem auch ganz schön stolz auf mein Durchhaltevermögen.

Und jetzt erstmal einen riesengroßen, lieben Dank an alle, die mir dabei geholfen haben, das zu schaffen:

  • Allen voran meinem Liebsten, der mir immer wieder aus der Ferne Mut zugesprochen und mir am Wochenende meinen vernachlässigten Haushalt auf Vordermann gebracht hat
  • meinem Bruder, der sich nach einer Weile schon mit „InDesign-Hotline, was kann ich für Sie tun?“ am Telefon meldete, und mir auch zum fünften Mal erklärte, wie man einem Farbfeld eine andere Farbe zuweist
  • meinem guten Freund aus alten Zeiten, der mir mit einem Augenzwinkern auch noch die fünfunddreißigste Mail mit dem Betreff „Nur noch dieses EINE Foto bitte!“ konvertierte und umgehend zurückschickte
  • Dann natürlich auch Frau Dekogöttin, die für mich beim Einkaufen war und meine Kinder betreut hat
  • unserer Kita-Leiterin, die Korrekturfahnen und anderes bei mir abholte, damit ich nicht jedesmal mit der kranken Maus aus dem Haus musste
  • meiner Mama, die mich am Telefon über meine missliche Lage jammern ließ, so oft ich das wollte und die mir so schwierige Entscheidungen wie „Was soll ich denn bloß heute auch noch kochen?“ abnahm
  • und zu guter Letzt natürlich meinen Kindern, die sich die letzten Tage bravourös durchs häusliche Chaos schlugen, mit der x-ten Portion warme Wiener mit Butterbrot zum Mittagessen vorlieb nahmen und mit einer nervenzerrütteten, übernächtigten Mama auskommen mussten
  • …und all den vielen anderen Beteiligten, die ihr Puzzleteilchen zu diesem Riesending beigetragen haben!

Wie gerne würde ich Euch nun auch das Ergebnis zeigen. Aber um meiner Anonymität willen und natürlich auch aus anderen Datenschutzgründen werdet ihr diese Festschrift leider nie zu Gesicht bekommen. Glaubt mir, sie ist wunderschön!

Der eine oder die andere von Euch wird sich sicher auch fragen, warum um alles in der Welt ich mich nach Beendigen einer sochen Mammutaktion nicht einfach aufs Sofa fallen lasse und ausruhe und stattdessen hier sitze und diesen ellenlangen Artikel formuliere.

Tja nun – meine Liebe zum geschriebenen Wort und ich können nicht anders – mein Fluch, Euer Segen. 😉

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8 Gedanken zu „Eine Frau, ein Buch, ein Krimi

  1. Was für ein wunderbarer Artikel, den sollten wir in der nächsten Festzeitschrift abdrucken! ;o) Dann sage ich an dieser Stelle, damit es alle lesen können, noch mal DANKE für deinen Einsatz! Es ist wirklich toll geworden!!!

      • Hast du etwa ein schlechtes Gewissen, weil Du mir das erste Ja entlockt hast? 😉 Hömma, DAS konntest du ja auch nicht wissen, oder?! 😀 Passt schon, echt. Ich habe mich gestern schon erholt. Bin wieder fit und bereit zu weiteren Schandtaten!

    • Danke… mein Mann machte heute Abend den selben Vorschlag. ^^ Und danke mir nicht zu früh…. der Krimi ist noch nicht zu Ende – Teil 2 wird gerade geschrieben… wir wissen noch nicht, ob es diese Festschrift jemals bis auf die Falzmaschine schaffen wird….

    • Danke Dir! Ganz vorbei ist er noch nicht….. hier ist das unterste zuoberst und das muss ich jetzt erst mal alles nacharbeiten… Berge von Wäsche, in wirklich jedem Raum komplette Unordnung, das ganze Haus putztechnisch deutlich überfällig…. und das Ding ist noch nicht gedruckt. Wie ich aus Insiderkreisen erfahren habe, wartet am Montag doch noch mal ein Schwung Korrekturen auf mich, wofür ich morgen erst mal gemeinsam mit meinem Mann einen anderen Computer dafür herrichten muss – um ein weiteres Mal zu einer Testversion des Programms zu kommen, das ich dafür brauche.

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