Stolz

Habe ich eigentlich schon mal erwähnt, dass ich in guten Augenblicken meine immer mehr werdenden weißen Haarsträhnen mit stillem Stolz betrachte? Weißes Haar bekommen bedeutet für mich, dass ich es bis hierher geschafft habe. Ich bin immer noch da. Das ist doch wunderbar! Mal sehen, wieviel Weißanteil ich noch schaffen werde in meinem Leben. Ich hoffe, sehr viel!

14143666461_63b637b4cf_o

Ich würde sie jedenfalls nie zufärben wollen. Das habe ich mir schon als junge Frau geschworen – und nicht nur, weil das im rauswachsenden Zustand einfach nur hässlich aussieht. Jedes einzelne weiße Haar ist für mich ein positives Symbol. Ganz abgesehen davon, dass ich weiße Haare wunderschön finde.

Ich mag es, wenn Menschen ihr Haar so weiß tragen, wie das Leben es gemacht hat.

„Wolfgang und das Trampolin“ oder „Wenn dir plötzlich klar wird, was wirklich wichtig ist“

Wolfgang ist Sanitäter. Ein sehr netter. Er hat einen großen Krankenwagen und eine liebe Begleiterin. Und er kennt jetzt meine Kinder mit Namen. Sie haben sich alle sehr nett mit ihm unterhalten, nachdem sich herausgestellt hat, dass die Maus wohl 57 000 Schutzengel gehabt haben muss, als ihr gestern Abend um halbsieben ihr Bruder im Trampolin mit voller Wucht auf den Kopf gesprungen ist.

Keiner konnte was dafür – sie muss sich wohl plötzlich hingelegt haben, als unser Kurzer sich schon mitten im Flug für seine „Arschbombe“ befand. Direkt unter den Popo ihres Bruders. Und der konnte gar nicht anders, als voll drauf zu krachen.

Ich habe es nicht gesehen, wurde aber sofort vom Geschrei der Kinder alarmiert. Beide Jungs waren ganz aufgelöst und die Maus schrie wie am Spieß.

Völlig panisch holte ich sie aus dem Trampolin und wählte sofort die Notrufnummer – ich dachte, jetzt sei alles aus!

Wolfgang war mit seinem Krankenwagen in gerade mal sechs Minuten hier. Sechs Minuten, die mir wie eine halbe Ewigkeit vorkamen. Aber zum Glück beruhigte sich die Maus in diesen sechs Minuten und machte einen ganz normalen Eindruck auf mich.

Dieser Eindruck bestätigte sich auch nach Wolfgangs Untersuchung und wir beschlossen gemeinsam, dass es nicht nötig sein würde, sie ins Krankenhaus zu transportieren, sondern dass ich sie einfach in den kommenden 24 Stunden genau beobachten sollte und mich sofort melden würde, wenn sie irgendwelche Symptome zeigen sollte.

Welche Symptome das wären, darin bin ich Profi – unser Großer hatte bereits mindestens drei schwere Gehirnerschütterungen (er behauptet, es wären sechs). Ich bin im Besitz diverser Merkzettel für Schädel-Hirn-Traumen und habe bereits mehr als einmal des Nächtens auf die Atmung eines meiner Kinder geachtet und regelmäßig den Puls gefühlt. 

Also nächtigte ich heute im Kinderzimmer direkt neben dem Bett unserer Maus und stellte mehrmals beruhigt fest, dass es ihr weiterhin gut ging. Sie ist vollkommen symptomfrei, deshalb habe ich sie heute morgen sogar in die Kita geschickt. Sollte sich irgendwas ändern, werde ich sofort informiert. Wobei ich nicht glaube, dass noch was nachkommt.

Wolfgang und seine Begleiterin haben die Kids übrigens noch in den Krankenwagen eingeladen, sie durften auf der Liege liegen, sich alles angucken und bekamen Einmalspritzen geschenkt, während sie den Bericht ausfüllten. Das war natürlich sehr spannend für meine drei.

Trotz gutem Ende machte mir diese Episode wieder einmal mehr bewusst, welche Dinge im Leben wirklich von Belang sind – und welche Kleinkram. Mein Gejammer über Gewicht und Nahrungsmittel kommt mir so banal vor gegen die Tatsache, dass so ein kleines Leben so schnell zu Ende sein kann, wenn es mal blöd läuft.

Ich bin dem da oben so unendlich dankbar dafür, dass nichts weiter passiert ist!

Dankbarkeit

Heute ist so ein Tag, da fühle ich mich rundum wohl und glücklich. Und sehr, sehr dankbar dafür, was ich habe. Nicht dass hier alles perfekt wäre – die Maus ist immer noch angeschlagen, entsprechend sieht es hier aus, ich kam nicht zum Putzen und auch nur sehr bedingt zum Aufräumen.

Aber was ist das schon? Ich habe einen wachen Geist, zwei Beine zum Laufen, zwei Hände zum Anpacken, zwei Augen zum Sehen und das Herz am rechten Fleck. Ich habe drei Kinder und einen Mann, die all diese Gaben ebenfalls besitzen. Ich habe ein warmes Zuhause, immer genug zu Essen und ein paar wirklich gute Freunde.

Das Leben ist wunderbar!

Im Alltag vergisst man das nur leider so oft. Da plagt man sich mit Fragen wie „Passt diese Strumpfhosenfarbe zu meiner Beinform?“,  „Soll ich nun Karotten oder Rosenkohl zum Weihnachtsbraten machen?“ oder „Oh Gott, schon zehn nach acht und die Kinder sind immer noch wach…, was mach ich nur morgen früh, wenn sie nicht aufstehen wollen?“

Dabei ist das alles so unwichtig, banal und meistens recht einfach zu lösen. Oft sind es sogar Probleme, die man sich selber generiert, die gar nicht sein müssten.

Im Netz begegnen mir immer wieder Menschen, die unreflektiert betrachtet viel, viel weniger Glück im Leben hatten als ich. So zum Beispiel Stephanie Nielson oder Nick Vuijcic. Und trotzdem sind sie unglaublich positiv, sehen auch die kleinen Dinge und messen dem täglichen „Gegenwind“ nicht mehr Gewicht zu, als ihm wirklich gebührt. Und ich frage mich sogar, ob sie nicht unterm Strich oft glücklicher sind als ich, einfach weil sie ihren Blick viel durchgängiger als ich darauf richten.

Deshalb versuche ich regelmäßig, kurz innezuhalten und mir ganz bewusst zu machen, wie gut eigentlich mein eigenes Leben läuft, wie viel Schönes, Bemerkenswertes und Wunderbares um mich ist, wie banal so manche Sorge wirkt, wenn man sich klar macht, was wirklich wichtig ist.

Haltet inne, umarmt Euer Leben und spürt die Dankbarkeit für all das, was es ausmacht. Und dann widmet Euch dem täglichen Kleinkram mit dem emotionalen Einsatz, den er verdient hat – mit viel, viel Gelassenheit und ’ner guten Prise Humor!

Eine schönes zweites Adventswochenende wünsche ich Euch!

Bei sich selber sein

Gerade komme ich von einem Treffen mit einem wirklich guten, alten Freund. Kennengelernt habe ich ihn mit 20 in meinem Studium. Ich studierte Lehramt, die Fächer Deutsch, Kunst und Technik. Er war (und ist) Künstler durch und durch, besuchte die Lehrveranstaltungen in Kunst eigentlich nur, um „drin“ zu bleiben, so lange bis er sein eigentliches Designstudium beginnen konnte. Wir hatten ne Menge Spaß, haben die praktischen Übungen aufgemischt, zusammen gemalt, gezeichnet und gefeiert und mochten uns sehr gerne. Er gab Aktzeichenkurse an der VHS und ich stand Modell dazu. Dann lernte er eine Frau kennen und das veränderte natürlich auch unsere freundschaftliche Beziehung – er hatte (verständlicherweise) nicht mehr so viel Zeit, seine Freundin, nennen wir sie Sophie, lernte ich komischerweise nie kennen.

Ein halbes Jahr später zog er weg, um sein Studium zu beginnen und wir verloren uns aus den Augen.

Erst vor vielleicht vier Jahren trafen wir uns wieder, ich hatte aus Neugier nach ihm gegoogelt und war komplett baff, zu entdecken, dass er hier in München lebt und arbeitet. Seitdem haben wir wieder einen schönen, freundschaftlichen, wenn auch sporadischen Kontakt. Und siehe da: er war immer noch mit Sophie zusammen. Ich lernte sie endlich kennen und war – geschockt.

In meinen Augen passte sie in keinster Weise zu ihm, wenn er eine Schwarzwälderkirsch-Torte wäre, dann könnte man sie Knäckebrot taufen. Es stellte sich auch schnell heraus, dass er nicht wirklich glücklich war. Und ich konnte noch weniger verstehen, warum er fast 20 Jahre mit dieser Frau verbringt, die ihm so wenig geben kann und will.

Dazu kamen Probleme im Job und in den letzten Jahren begann plötzlich alles in seinem Leben zu bröckeln. Erst gab er den Job auf, dann begann er mit einer Therapie. Jetzt haben wir uns seit fast einem Jahr nicht mehr gesehen und vor ein paar Wochen bekomme ich eine SMS, dass er sich von Sophie getrennt hat. Heute haben wir uns getroffen und lange geredet.

Seine neue Job-Lösung gefällt ihm gut. Er hat eine neue Frau kennengelernt, unternimmt viel und erlebt tolle Sachen. Er meditiert und fühlt sich gut damit.

Es ist wunder-wunderschön zu sehen, wie sehr dieser Mensch in den letzen Jahren zu sich selber gekommen ist, wie nah er sich und seinen Bedürfnissen endlich ist. Grund ist nicht Sophie, es gibt andere Gründe, aber klar war, dass er Sophie hinter sich lassen würde, in dem Moment, in dem er endlich Kontakt zu sich und seinen Bedürfnissen gefunden hätte. Und genau das ist passiert.

Ich bin sehr froh für ihn und es macht mich glücklich, ihn so gesettelt und frei zu erleben.

Es ist nie zu spät, wieder auf den richtigen Weg zurückzufinden! Auch wenn man 20 Jahre lang oder noch länger falsch abgebogen ist, kann alles noch anders werden.

Und das wünsche ich jedem, der dieses Ziehen in sich spürt, jedem, der merkt, er ist nicht da, wo er hingehört. Hört auf Euch! Traut Euch! Lebt! Es gibt nur dieses eine Leben…..